Das Zittauer Gebirge ist das kleinste Mittelgebirge Deutschlands – und wer hier eine Tagesrunde plant, streift beim Fahren fast zwangsläufig drei Länder. Der Dreiländerpunkt Deutschland–Polen–Tschechien liegt bei Zittau, die Grenzübergänge nach Bogatynia und Hrádek nad Nisou keine zehn Kilometer entfernt. Statt langer Etappen sammelt man hier auf kurzen Wegen viele Wechsel: Sandstein, Basaltkegel, Umgebindedörfer und zwei Nachbarländer an einem Nachmittag. Was die einzelnen Ecken ausmacht, steht hier.
Sandstein und Basalt auf engstem Raum

Zwischen Zittau und der tschechischen Grenze steht ein Gebirge im Taschenformat: verwitterte Sandsteinformationen, dazwischen Basaltkegel, dichte Wälder und Straßen, die selten lange geradeaus laufen. Höchster Punkt ist die Lausche mit 793 Metern, direkt auf der Grenze zu Tschechien. Als Aussichtsberg lohnt der Töpfer über Oybin, dessen Sandsteingruppen einen weiten Blick über das Gebirge und ins Böhmische freigeben. Weil das Gebiet so kompakt ist, wechseln die Landschaftsbilder im Minutentakt – ein Vorteil, wenn man einen Tag mit vielen Eindrücken statt vieler Kilometer will. Und weil die Sandsteinzüge jenseits der Grenze weiterlaufen, sind die lohnendsten Runden ohnehin grenzüberschreitend.
Oybin, Jonsdorf und die Passstraße nach Lückendorf

Die Kurorte Oybin und Jonsdorf sind die touristischen Kerne des Gebirges. Über Oybin ragt der gleichnamige Berg mit den Ruinen von Burg und Kloster; in Jonsdorf ziehen die alten Mühlsteinbrüche und die Felsenstadt der Nonnenfelsen die Ausflügler an. Beide Orte erreicht die Zittauer Schmalspurbahn, die seit über hundert Jahren mit Dampf von Zittau über Bertsdorf hinauffährt – für Motorradfahrer heißt das: mehrere Bahnübergänge auf den Nebenstrecken, an denen sich Warten mehr auszahlt als Drängeln. Wer von Oybin nach Süden weiter will, nimmt die Passstraße über den Luftkurort Lückendorf direkt an den tschechischen Grenzübergang – eine der wenigen echten Steigungsstrecken im ansonsten kleinteiligen Revier.
Zittau – Fastentücher und Dreiländereck

Zittau selbst ist mehr als Durchfahrtsort. Die Stadt bewahrt zwei historische Fastentücher, darunter das Große Zittauer Fastentuch von 1472 – eines der größten erhaltenen Exemplare seiner Art, gezeigt in einer eigens dafür umgebauten Kirche. Südöstlich der Stadt, wo die Neiße die Grenze zieht, stoßen Deutschland, Polen und Tschechien am Dreiländerpunkt zusammen; von hier lassen sich Runden in beide Nachbarländer aufziehen, ohne lange Anfahrt. Zittau ist damit der natürliche Ausgangspunkt für die meisten Touren im Revier.
Oberlausitzer Bergland – Umgebindehäuser und Herrnhut

Nach Norden und Westen geht das Gebirge ins Oberlausitzer Bergland über: sanfte Hügel, Dörfer mit Umgebindehäusern und wenig Verkehr. Das Umgebindehaus – eine Bauweise, die Blockstube, Fachwerk und Ständerbau vereint – prägt ganze Ortsbilder, besonders dichtgedrängt in Großschönau. Über Cunewalde und Schönbach südlich von Löbau führen Nebenstraßen nach Herrnhut, dem Stammsitz der Herrnhuter Brüdergemeine: Die 1722 unter Graf Zinzendorf gegründete Freikirche gab dem Ort den Namen und brachte den Herrnhuter Stern hervor. Rund um Neukirch, Wilthen und Bischofswerda liegen die schmalen, welligen Nebenstrecken, die auf keiner Empfehlungsliste stehen – wer die Bundesstraßen konsequent meidet, hat hier am meisten davon.
Berzdorfer See – geflutetes Tagebaurevier
Zwischen Gebirge und Görlitz liegt der Berzdorfer See, bis vor wenigen Jahren noch ein Braunkohle-Tagebau. Nach dem Ende des Abbaus wurde die Grube geflutet; heute umrundet ein Uferweg das Wasser, und die Landstraßen ringsum ergeben eine flotte kleine Schleife durch eine Landschaft, der man ihre Herkunft kaum noch ansieht. Als Zwischenstopp passt der See gut auf dem Weg nach Görlitz, der östlichsten Stadt Deutschlands, deren Altstadt unversehrt bis an die Neiße reicht.
Grenzrunden nach Polen und Tschechien
Die Grenzen sind im Alltag unspektakulär geworden, und genau das macht die Runden reizvoll. Nach Polen quert man die Neiße mitten in Görlitz nach Zgorzelec oder südlich bei Zittau nach Bogatynia. Nach Tschechien führen die kurzen Wege über Seifhennersdorf nach Varnsdorf oder über Zittau nach Hrádek nad Nisou. Besonders lohnt der Schluckenauer Zipfel um Šluknov und Rumburk – ein tschechischer Landstrich, der auf drei Seiten von Deutschland umschlossen ist, sodass Zickzack-Runden über die Grenze hier der Normalfall sind, nicht das Abenteuer. Mitzuführen sind Fahrzeugpapiere, Führerschein und Personalausweis; die grüne Versicherungskarte gehört als Nachweis ins Gepäck, auch wenn beide Länder zur EU zählen.
Die tschechische Fortsetzung – Lausitzer Gebirge, Jeschken, Isergebirge
Südlich der Grenze wird das Gelände ernsthaft gebirgig. Direkt an das Zittauer Gebirge schließt das Lausitzer Gebirge (Lužické hory) an, mit der Lausche und dem Hochwald als markanten Grenzgipfeln. Westlich von Liberec steht auf eigenem Kamm der Jeschken (Ještěd) mit 1.012 Metern, gekrönt vom kegelförmigen Hotel- und Sendeturm, der die Silhouette weithin sichtbar macht. Weiter östlich, an der Grenze zu Polen, liegt schließlich das Isergebirge (Jizerské hory) – höher, rauer und dünner besiedelt. In den Hochlagen hält sich der Schnee bis weit ins Frühjahr; wer außerhalb des Sommers eine Überquerung plant, erkundigt sich besser vorher nach dem Zustand der Bergstraßen. Die Rückfahrt über Jablonec nad Nisou und das Zittauer Gebirge ist die naheliegende Schleife, wenn der Tag im Isergebirge begonnen hat.
Anfahrt und Straßenzustand
Die Autobahn endet früh, und das ist gut so – die letzten Kilometer ins Revier fährt man ohnehin über Landstraßen. Der Straßenzustand ist nach den Erneuerungen der vergangenen Jahrzehnte überwiegend gut; auf abgelegenen Nebenstrecken trifft man aber weiter auf altes Kopfsteinpflaster und ausgefahrene Abschnitte, die man mit angepasstem Tempo nimmt. Wer aus dem Westen anreist, sollte die kurvige der schnellen Variante vorziehen und die Oberlausitz über ihre Landstraßen ansteuern – die benachbarten Sandsteinregionen an der Elbe haben ihren eigenen Reiz, aber schon der Weg durch die Oberlausitz macht den Umweg wett.